Kapitel 2

Lenkpause

Samstagnachmittag auf einem Parkplatz beim Zollamt Thayngen nicht weit von Schaffhausen entfernt. Achtzig Laster stehen dicht an dicht. Alle warten auf die Zollabfertigung, die am Montagmorgen früh wieder öffnet. Man wagt kaum, sich zwischen den vier Meter hohen Ungetümen zu bewegen. Sie wirken abweisend wie eine Wagenburg.

In einem der LKW sitzt ein Mann mit Bärtchen, das Fenster heruntergekurbelt, den Arm lässig aufgestützt. Von oben herab beobachtet er, was die Leute so treiben. Sein Fahrzeug trägt das Länderkennzeichen BIH, Bosnien-Herzegowina. Dann fragt er, was wir wollten. Es klingt leicht enerviert. Wir sagen, mit den Fahrern sprechen, um zu erfahren, wie ihre Lebensbedingungen sind.

«Warum interessiert euch das Leben der Fahrer?» «Weil sie oft wochenlang nicht nach Hause kommen und miserabel verdienen…» «Das ist aussergewöhnlich, dass ihr das wissen wollt. Sonst sind wir doch immer die Idioten. Sonst nerven sich immer alle über uns.» Er sagt es auf Schweizerdeutsch, öffnet die Türe, schlüpft in seine Schuhe, steigt herunter und stellt sich vor: Petar Stefanovic. Er ist in Bosnien bei seinen Grosseltern aufgewachsen. Seine Eltern arbeiteten in der Schweiz als Saisonniers. Als der Krieg kam, holten sie ihn und seine Schwester in die Schweiz. Er machte hier eine Lehre und begann, LKW zu fahren. Das sei schon immer sein Traum gewesen, sagt er. Heute lebt er wieder in Bosnien – nicht ganz freiwillig. Wie das kam erzählt er erst viele Stunden später, als wir ihn mit seinem LKW nach Bosnien begleiten.

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Kein Platz für LKWs

Am selben Wochenende reden wir auf einer süddeutschen Raststätte nahe der Schweizer Grenze noch mit vielen Fahrern. Es ist im Vergleich mit anderen Raststätten ein hübscher Ort mit Blick über eine uralte Vulkanlandschaft.

Engagierte Geistliche der Diözese Freiburg haben an diesem Wochenende auf der Raststätte die Aktion «Lenkpause» organisiert. Sie wollen mit Fernfahrern ins Gespräch kommen und bieten Speis und Trank.

Die Raststätten-Betreiber haben einen Teil der Parkfelder abgesperrt, damit sie nicht mit LKW zugeparkt werden, die dann das ganze Wochenende da stehen.

«Ja klar», sagt ein Pole, der mehr wie ein Hipster als wie ein Fernfahrer aussieht, «die LKW-Fahrer konsumieren nichts. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil viele sich kein Menü leisten können.»

«Immerhin kostet auf dieser Raststätte das Klo nichts», wirft einer der Geistlichen ein.

Der Pole lacht bitter.

«Das stimmt, aber da sitzt eine Dame mit einem Tellerchen. Die schaut sehr böse, wenn man aufs Klo geht und nichts hineinlegt.» Man müsse auch fürs Wasser bezahlen. Er habe einen ukrainischen Kollegen gesehen, der verzweifelt Wasser gesucht habe. «Ohne Wasser können wir nicht überleben. Auf manchen Raststätten kostet ein Kanister Wasser fünf Euro. Das kann sich nicht jeder leisten.»

Die Klos sind ein wichtiges Thema. In den meisten Raststätten in Deutschland kostet die Benutzung des Klos 70 Cents. Man kriegt im Gegenzug einen Gutschein, der erlaubt, für 70 Cent etwas zu konsumieren.

«Dann zahlen wir aber in der Raststätte zwei, drei Euro für einen Kaffee, der anderswo nur einen Euro kosten würde», sagt einer.

«Genau!», meint ein anderer, «ich bin überzeugt, dass sie auf den Raststätten absichtlich so hohe Preise haben, damit wir LKW-Fahrer gar nicht kommen.» Doch was sollen sie tun? Sie müssen ihre Ruhezeiten einhalten.

Die sogenannten Lenk- und Ruhezeiten sind ein höchst komplexes Regelwerk. Vereinfacht kann man sagen: Die Fernfahrer dürfen pro Tag neun Stunden fahren, dazwischen müssen sie Pausen einlegen, die zusammen mindestens 45 Minuten dauern. Das ist die Lenkzeit.

Die Ruhezeit hingegen hat zum Ziel, dass die Fahrer auch mal ein Wochenende frei haben. Sie legt fest, dass die Fahrer nach fünf Tagen eine Pause von mindestens 45 Stunden einlegen. Ein Fahrtenschreiber dokumentiert die Pausen auf die Minute genau.

Die Fahrer haben oft Probleme, zur richtigen Zeit einen passenden Parkplatz zu finden. In den meisten Industriezonen sei es inzwischen verboten, mit einem Sattelschlepper über Nacht zu parken, sagt einer der Fahrer: «Die wollen, dass wir ihnen die Ware bringen. Aber die wollen nicht, dass wir dort übernachten. Die könnten ja einige Klos aufstellen, dann wäre das kein Problem.» Denn ohne Klos pinkeln die Fahrer an den nächsten Baum und erledigen ihre Notdurft hinter den Büschen.

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Wie viel verdienst du?

Eine Gruppe LKW-Fahrer diskutiert über ihre Löhne. Ein adretter, junger Mann aus Polen mit Lacoste-Poloshirt berichtet selbstbewusst, er verdiene pro Tag 90 Zloty und 20 Groschen pro gefahrenen Kilometer. Wenn er pro Woche mehr als 8000 Kilometer mache, erhalte er eine Prämie. Normalerweise schaffe er 13 000 bis 15 000 Kilometer in der Woche, brüstet er sich – was aber kaum zu leisten ist. Er sagt, er sei ganz zufrieden und verdiene umgerechnet  2500 Euro im Monat.

Der Fahrer neben ihm, ein älterer, behäbiger Mann, kratzt sich an der Glatze und sagt bedächtig, er verdiene 5000 Zloty pro Monat. Das sind etwa 1 150 Euro pro Monat. Für gewöhnlich arbeite er drei Wochen, dann habe er eine Woche frei. Er meistens auch, sagt der Jüngere im Poloshirt. Ein Dritter mit dickem Bauch und fleckigem T-Shirt steht schweigend daneben und schüttelt den Kopf. Er will nicht über seinen Lohn reden.

Mit einem Sattelschlepper kann man im Monat 10000 Kilometer zurücklegen. Der junge Pole im Poloshirt schafft allein in einer Woche mehr Kilometer, weil er einen Kleinlaster fährt. In der Branche nennt man sie «Polen-Sprinter» oder «Ameisen». Immer mehr Güter werden mit ihnen transportiert. Sie wiegen nicht mehr als 3,5 Tonnen und müssen sich nicht an die LKW-Vorschriften halten. Für sie gelten keine Lenk- oder Ruhezeiten, kein Nacht- oder Sonntagsfahrverbot.

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Urin und Alkohol

An einem Tisch sitzt eine Gruppe Ukrainer und Weissrussen bei Kaffee und Kuchen. Auch sie sprechen übers Geld. Alle verdienen 800 bis 900 Euro und fahren für litauische, polnische und ungarische Unternehmen.
Später am Abend treffen wir sie wieder. Sie liegen auf einer kleinen Wiese zwischen den LKW und grillieren Hühnerbrüstchen. Der eine steht auf, fragt eindringlich, ob wir garantieren könnten, dass sicher keine Bilder von ihnen erscheinen würden. Sonst bekämen sie Probleme. Der Job sei wichtig. So schnell fänden sie nichts Besseres. Wir versuchen sie zu beruhigen und ziehen weiter.

Zwischen den LKW riecht es scharf nach Urin. In der hinteren Ecke des Rastplatzes sitzen auf Klappstühlen fünf Fahrer in einer Runde. Sie trinken Bier und Wodka. Einer kommt wankend näher. Er lallt, will uns überreden, mit ihnen Brüderschaft zu trinken. Er fällt fast hin, gestikuliert unverständlich und wird immer anhänglicher. Einer der jungen Fahrer stellt seine Bierdose hin und eilt herbei. Sanft nimmt er den Betrunkenen am Arm. Der junge Mann entschuldigt sich für seinen Kollegen und führt ihn behutsam zurück zu seinem Klappstuhl. Die beiden wirken wie alte Bekannte, obwohl nur der Zufall sie für diesen einen Abend zusammengeführt hat.

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